THEATER GEGENDRUCK

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 19.10.2009


Extremes Seelenleben

Das Theater Gegendruck präsentierte Büchners „Lenz“ in den Flottmannhallen. Ein Stück zum Nachdenken

Jennifer Kalischewski

„Alles Holzpuppen mit starren Gesichtern!“, schimpft Lenz auf die in Konventionen erstarrte Gesellschaft und deutet auf das Publikum im Theatersaal der Flottmannhallen. Er selbst erkennt, dass er ein Außenseiter ist, für den es keinerlei Platz gibt. Einsamkeit, Verzweiflung, innere Zerrissenheit, absolute Leere - Gefühle, die der sensible, junge Dichter kaum zu verarbeiten in der Lage ist. Seine Zuflucht:, Das Schreiben und das Wandern.

Die Inszenierung von Georg BüchnersErzählung „Lenz“ ist eine Herausforderung. Regisseur Johannes Thorbecke traute sich an das Projekt. Auf  szenisch-musikalische Art schaffte es das Theater Gegendruck mit dem Schauspieler Nils Beckmann und der Musikerin Gunda Gottschalk, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Nils Beckmann rezitiert Passagen aus Büchners Novelle, um übergangslos in die Rolle des depressiven Lenz zu schlüpfen. Er verschafft den Zuschauern tiefe Einblicke in das extreme Seelenleben des jungen Dichters, transportiert Lenz' innere Zerrissenheit nach außen. Lenz, der sich auf eine Reise ins kleine Bergdorf Waldbach zu Pfarrer Oberlin begeben hat, um zur Ruhe zu kommen und der Tollheit des bürgerlichen Lebens zu entfliehen, erlebt immer wieder Anfälle, die dem Wahnsinn nahe kommen. Untermalt wird seine Gefühlswelt durch Geräusche und Klänge, durch Melodien und Streichfragmente auf der Geige sowie Vokaleinlagen und teils gutturale Laute der Musikerin Gunda Gottschalk.

Wut, Schmerz und Selbstmitleid - Lenz' psychische Verfassung verschlechtert sich zunehmend: Nach Eifersuchtsmord und mehreren Selbstmordversuchen, veranlasst Pfarrer Oberlin, dass Lenz nach Straßburg gebracht wird. Das Stück endet mit den Worten, die schon zu Beginn rezitiert werden: „Das Dasein war ihm eine notwendige Last.“ Keine leichte Kost. Dem Theater ist gelungen, dass die „Holzpuppen“ aus ihrer Starre erwacht sind und nachdenken.

THEATER GEGENDRUCK
Truppe mit Tradition

Das Theater Gegendruck wurde 1983 gegründet und hat seinen Sitz in Recklinghausen. Zunächst war es als Song- und Straßentheatergruppe unterwegs. Seit Mitte der 1990er Jahre hat es seinen, Repertoire-Schwerpunkt auf zeitgenössische' politisch brisante Stücke gelegt. Das aktuelle Stück „Lenz“ nach der Novelle von Georg Büchner entstand in Zusammenarbeit mit "Respect4you", einem Recklinghäuser Projekt zur Förderung der Kommunikationsprozesse von Kulturschaffenden und Jugendlichen.

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