THEATER GEGENDRUCK

Recklinghäuser Zeitung, 06.10.2009


Psychogramm eines Verfalls

Georg Büchners "Lenz" vom Theater Gegendruck verstörend aktualisiert

Von Stefan Pieper

RECKLINGHAUSEN. Ein empfindsamer Mensch sucht Zuflucht in der Abgeschiedenheit eines Vogesendorfes. Doch für den Dichter Lenz markiert dieser Ort die Endstation auf dem Weg in den psychischen Verfall. Letztendlich fühlt er die Außenwelt und auch sich selbst nicht mehr.

Die szenische Ausdeutung von Georg Büchners Erzählung auf der Bühne ist und bleibt eine Herausforderung. Doch dem Schauspieler Nils Beckmann und der Klangkünstlerin Gunda Gottschalk ist hier unter der Regie von Johannes Thorbecke eine überaus treffsichere Lösung gelungen. Das Premierenpublikum in der Altstadtschmiede war schließlich vollends in ihren
Bann gezogen, ja sichtlich ergriffen.

Nils Beckmann brilliert darin, die Grenzen zwischen lakonischer Rezitation und einer oft emphatischen gestischen Verkörperung extremer Seelenzustände sehr fließend zu ziehen. Wild gestikulierend dringt er in das Seelenleben Lenz' ein, zuweilen von hysterischen Lachern und autoaggressiven Anfällen beherrscht. Lenz steht im Konflikt mit seiner Außenwelt und isoliert sich immer mehr in Schuldkomplexen.

Dieses Spannungsverhältnis lebendig zu machen, ist der Part seiner Partnerin in diesem Spiel: Gunda Gottschalk zeigt sich hier als fabelhaftes Multitalent in Sachen „freie Improvisation“.

Sie streicht skizzenhafte Melodiefragmente auf ihrer Violine, artikuliert subtile Vokaleinlagen und setzt immer wieder verstörende Impulse durch abrupte Überraschungsmomente. Steinhaufen klatschen auf den Bühnenboden. Metallelemente schlagen aneinander.

Manchmal drohen die manisch-depressiven Gefühlswallungen des Jakob Lenz regelrecht zu bersten. Dissonante Streicherfiguren deuten auf diese extreme nervöse innere Unruhe. Arpeggios in Moll, wie sie der Minimal Music eines Philip Glass entstammen könnten, suggerieren schwere Traurigkeit, die dem Schicksal des Lenz innewohnt.

Von Schuldkomplexen und Angst Visionen zerfressen, unternimmt der schließlich einen Selbstmordversuch und wird in eine psychiatrische Anstalt „abgeholt“.

Büchner schaffte mit solchen Verlierer-Psychogrammen einen Gegenentwurf zum bürgerlichen Realismus mit seinem Hang zur Idealisierung von Heldenfiguren.

Johannes Thorbecke sieht in der Inszenierung solcher Literatur durchaus gesellschaftskritische Impulse in Bezug auf die heutige Gegenwatt: „Viele sensible, vor allem junge Individuen sind in der heutigen Leistungsgesellschaft einer extrem kalten Außenwelt ausgesetzt.“

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