In den alltäglichen Kleinkram verstrickt
von Stefan Pieper
Theater Gegendruck bringt den subversiven Wortwitz von Daniil Charms auf die Bühne.
„Etwas ganz Schräges“: selbst Regisseur Johannes Thorbecke gab’s nach der Premiere zu. Sein Theater Gegendruck hatte in der Altstadtschmiede „Charms Maschine – Texte von Daniil Charms“ uraufgeführt.
„Er notierte sich einfach alles“, schrieb Anna Gerassimowa im Vorwort ihrer Charms-Ausgabe – und das spiegelt auch die Produktion des freien Theaters mit Sitz in Recklinghausen wider. Am 30. Dezember 1905 wurde Charms als Daniil Iwanowitsch Juwatschow in St. Petersburg geboren, 1942 verhungerte er im belagerten Leningrad als Häftling einer psychiatrischen Anstalt. Der Philosoph Jakow Druskin klaubte aus der halbzerbombten Wohnung seines Freundes noch alle Texte zusammen, derer er habhaft werden konnte – und das waren keine vollständigen Romane, sondern häufig einzelne Blätter und Notizzettel: absurdes Theater.
So zeigt sich auch die Aufführung. Max Ammareller, Beate Kuhl, Marcel Jaschar Markazi Noubar und Dimitrij Schewalje proklamieren ihre Sätze, spielen mit Sprache und Sprachen, mit Dialekten und überdeutlicher Aussprache, nehmen manchmal die Rolle eines Erzählers ein – sowohl einzeln wie auch gemeinsam – und sind im nächsten Moment wieder Schauspieler. Nicht immer ergeben die Sätze und Metaphern für jeden auf Anhieb einen Sinn und vielen fehlt jede mehr als intuitive Verbindung. Beinahe wie in einem Traum wechseln die Szenen völlig wirr, gelacht wird trotzdem viel, und am Ende gibt es minutenlangen Applaus. Die Darsteller sowie alle Mitwirkenden kehren gut ein Dutzend Mal auf die Bühne zurück, um sich zu verbeugen.
„Der Sinn ist es, die Arbeit dieses Dichters zu entdecken, der angeeckt ist und auch heute noch Schwierigkeiten hätte“, meint Regisseur Johannes Thorbecke. Charms sei eben sehr satirisch und spreche Probleme der Gesellschaft an, „die bis ins Heute hineinreichen“. In den 1920er Jahren – als Jugendlicher und junger Erwachsener – habe Charms viele Kurz-Szenen geschrieben, kaum ganze Bühnenwerke, und Themen wie die Weltwirtschaft aufs Korn genommen, „das ist auch heute noch subversiv“. Das Gegendruck-Team versucht, all diese fragmentarischen Szenen miteinander zu verbinden, die mysteriöse „Charms-Maschine“ im Bühnenbild – hinter einer halbtransparenten Folie, welche zwischendurch zu den Klängen der Musikerin Tanja Chevalier bedient wird – wälze das Werk um: „Revolution“ heißt schließlich „Umwälzung“. Beeindruckend, wie Ammareller, Kuhl, Noubar und Schewalje diese Wahnsinnstexte absolut sicher beherrschen, obwohl sie sich an keinerlei rotem Faden entlanghangeln können.
Würde dieses Stück nicht auch in die Experimentalwelten des Fringe-Zeltes der Ruhrfestspiele passen? Doch sicher, glaubt auch Thorbecke, zumal die 2012 auch noch das russische Theater thematisieren. „Das wäre sicher interessant.“ Doch zunächst war Thorbecke froh, dass die Premiere so gut besucht war.
Menschen handeln nicht, sondern verhalten sich die meiste Zeit über. Aber deren fröhliches Eingeständnis, nichts zu wissen und auch nichts zu können, macht sie umso freier. Solche Freiräume nutzen die vier Darsteller vom Theater Gegendruck ausgiebig, um sich von den überlieferten Textfragmenten des russischen Autors Daniil Charms zu intensiver, in jedem Moment ansteckender Spiellust inspirieren zu lassen.
Max Amareller, Beate Kuhl, Marcel Jaschar Markazii Naubar und Dimitrij Schewalje drehen sich mit ihrem Gerede im Kreis herum. Über Tiere im Zoo. Über Gäste, die man nicht beherbergen muss. Über amerikanische Milliardäre, die gute Menschen sind. Darüber, dass ein Schlafender nicht im Hausflur liegen darf.
Ein Mensch wandert umher und es fallen ihm ständig Ziegelsteine auf den Kopf. Er leidet und lamentiert, aber folgt stoisch immer wieder demselben Weg, wo immer wieder Steine runterfallen, bis er sich den Schädel aufschlägt. Masochismus?
Es ist wohl eher das Symptom eines allgegenwärtigen, passiven Sich-Einfügens ins unabänderliche, auf die Charms mit Stilmitteln des absurden Theaters hinweist. Die symbolträchtigen Bilder, die den Spielsituationen auf der Bühne zugrunde liegen, demaskieren Herrschaftsverhältnisse, Neurosen und letztlich eine hermetische Existenz, aus der es kein Entrinnen gibt. Dazu rotiert eine monströse Maschine, die am Bühnenrand errichtet ist. Sie steht für diesen ewigen Kreislauf, aber symbolisiert zugleich das Wirken des Daniil Charms, der sich selbst als Denk-Maschine sah. Zur atmosphärischen Verdichtung für dieses Theaterstück hat Tanja Chevalier eine suggestive „musique concrete“ komponiert.
Scheitern muss hier jeder Versuch, eine ordnende Linearität oder gar „Handlung“ auszumachen. Denn die Sprechakte der Darsteller sind unmittelbar der meist oberflächlichen menschlichen Alltags-Konversation abgelauscht. Diese zeugt von einer „Verstrickung in alltäglichen Kleinkram“, wie sie auch von den Protagonisten beklagt wird. Assoziatives Wortgeplänkel ist eben kein echtes kommunikatives Handeln. Daniil Charms treibt eine solche Diagnose mit ganz viel subversivem Wortwitz auf die Spitze. Und die verbale, mimische und gestische Umsetzung auf der Bühne der Altstadtschmiede hat die Qualität von virtuoser Slapstick-Comedy. Doch für so eine Genre-Schublade ist das von Johannes Thorbecke (Regie) und Erich Füllgrabe (Szenographie) inszenierte Spiel viel zu doppelbödig und tiefgründig.
Thorbecke sieht hier aktuelle Bezüge: „In der heutigen, überangepassten Gesellschaft im Krisenzustand, in der jedes Mitglied versucht, nicht abzustürzen und minutiös in die Fußstapfen des Vordermanns zu treten, ist der Blick von Charms subversiv, eine Provokation.“