GEGENDRUCK
GEGENDRUCKvon Oliver Mengedoth
Das Publikum in der Recklinghäuser Altstadtschmiede feiert das Theater Gegendruck für seine Hommage an den lange vergessenen Daniil Charms.
„Etwas ganz Schräges“: selbst Regisseur Johannes Thorbecke gab’s nach der Premiere zu. Sein Theater Gegendruck hatte in der Altstadtschmiede „Charms Maschine – Texte von Daniil Charms“ uraufgeführt.
„Er notierte sich einfach alles“, schrieb Anna Gerassimowa im Vorwort ihrer Charms-Ausgabe – und das spiegelt auch die Produktion des freien Theaters mit Sitz in Recklinghausen wider. Am 30. Dezember 1905 wurde Charms als Daniil Iwanowitsch Juwatschow in St. Petersburg geboren, 1942 verhungerte er im belagerten Leningrad als Häftling einer psychiatrischen Anstalt. Der Philosoph Jakow Druskin klaubte aus der halbzerbombten Wohnung seines Freundes noch alle Texte zusammen, derer er habhaft werden konnte – und das waren keine vollständigen Romane, sondern häufig einzelne Blätter und Notizzettel: absurdes Theater.
So zeigt sich auch die Aufführung. Max Ammareller, Beate Kuhl, Marcel Jaschar Markazi Noubar und Dimitrij Schewalje proklamieren ihre Sätze, spielen mit Sprache und Sprachen, mit Dialekten und überdeutlicher Aussprache, nehmen manchmal die Rolle eines Erzählers ein – sowohl einzeln wie auch gemeinsam – und sind im nächsten Moment wieder Schauspieler. Nicht immer ergeben die Sätze und Metaphern für jeden auf Anhieb einen Sinn und vielen fehlt jede mehr als intuitive Verbindung. Beinahe wie in einem Traum wechseln die Szenen völlig wirr, gelacht wird trotzdem viel, und am Ende gibt es minutenlangen Applaus. Die Darsteller sowie alle Mitwirkenden kehren gut ein Dutzend Mal auf die Bühne zurück, um sich zu verbeugen.
„Der Sinn ist es, die Arbeit dieses Dichters zu entdecken, der angeeckt ist und auch heute noch Schwierigkeiten hätte“, meint Regisseur Johannes Thorbecke. Charms sei eben sehr satirisch und spreche Probleme der Gesellschaft an, „die bis ins Heute hineinreichen“. In den 1920er Jahren – als Jugendlicher und junger Erwachsener – habe Charms viele Kurz-Szenen geschrieben, kaum ganze Bühnenwerke, und Themen wie die Weltwirtschaft aufs Korn genommen, „das ist auch heute noch subversiv“. Das Gegendruck-Team versucht, all diese fragmentarischen Szenen miteinander zu verbinden, die mysteriöse „Charms-Maschine“ im Bühnenbild – hinter einer halbtransparenten Folie, welche zwischendurch zu den Klängen der Musikerin Tanja Chevalier bedient wird – wälze das Werk um: „Revolution“ heißt schließlich „Umwälzung“. Beeindruckend, wie Ammareller, Kuhl, Noubar und Schewalje diese Wahnsinnstexte absolut sicher beherrschen, obwohl sie sich an keinerlei rotem Faden entlanghangeln können.
Würde dieses Stück nicht auch in die Experimentalwelten des Fringe-Zeltes der Ruhrfestspiele passen? Doch sicher, glaubt auch Thorbecke, zumal die 2012 auch noch das russische Theater thematisieren. „Das wäre sicher interessant.“ Doch zunächst war Thorbecke froh, dass die Premiere so gut besucht war.
(Originaltext: Der Westen)