THEATER GEGENDRUCK

19.09.2011 / Marler Zeitung

Theater als (Über-) Lebenselixier

Gefangen unterm Apartheits-Regime / "Die Insel" von Athol Fugard


VON STEFAN PIEPER

MARL. Es gibt viele Belege darüber, dass gerade für Menschen in Gefangenschaft die Kunst zum (Über-) Lebenselixier wurde. Und das Theater ist gerade unter repressiven Verhältnissen ein Ort für geistige Freiheit. Das gilt auch für Südafrika im Zeitalter der Apartheit, wo Athol Fugard sein Theaterstück "Die Insel" angesiedelt hat.

Für Regisseur Johannes Thorbecke vom Theater Gegendruck aus Recklinghausen ist dieses Stück ein Plädoyer an das Theater an sich! Und die Hinterbühne des Theaters Mal war am Freitagabend genau das richtige, um die beklemmende Kargheit von Gefangenschaft zu suggerieren.

Klebeband auf dem Bühnenboden markiert die Zelle der Gefangenen John und Winston. Warum sie im berüchtigten Inselgefängnis "Robben Island" einsitzen, ist nicht näher beschrieben, sind die Gründe für eine Inhaftierung doch völlig beliebiger Natur.

Die Nähe der beiden zueinander ist die pure soziale Klaustrophobie. Sie versuchen miteinander auszukommen, reiben sich ständig aneinander und müssen extreme Selbstbeherrschung aufbieten, dass es nicht kracht. Wenn sie über etwas lachen, ist dies kein befreites Lachen, sondern eine groteske Maske, hinter der sich Abgründe von Verzweiflung auftun.

Diese vervielfachen sich für den lebenslänglich inhaftierten Winston, als die vorzeitige Freilassung seines Zellengenossen bevorsteht. Yusuf Demircan (John) und Dimitrij Schwalje (Winston) verkörpern dieses Szenario auf bedrängend plausible Weise, liefern damit verstörende Innenansichten einer psychischen Extremsituation. Diese Bühnenpräsenz lässt bei aller Sprödigkeit des Stückes den Zuschauern kaum noch Luft zum Atmen während dieser beklemmenden anderthalb Stunden.
 
Aber diese Gefangenen bleiben Hoffende. Wenn sie das Sophokles-Drama der Antigone aus ihrer Erinnerung wiederaufleben lassen, um damit eine Aufführung unter den Mitgefangenen einzustudieren, kommt die ganze existenzielle Dimension von geistigem Kapital unter eng gemachten äußeren Verhältnissen zum Tragen. Warum gerade die Antigone des Sophokies? Diese klassische Figur handelt aufrichtig und stellt damit eigene humanitäre Ideale über die staatliche Ordnung, da diese von willkürlichen Machtinteressen beherrscht ist. Antigone bezahlt diesen zivilen Ungehorsam schließlich mit ihrem Leben - ebenso gibt es Fugards Gefangenen-Drama schließlich kein Happy-End.

"Die Insel" zeugt einmal mehr davon, wie Künstler die Fangnetze repressiver Zensur mit subtilen Anspielungen durchdringen.

Yusuf Demircan und Dimitrij Schwalje erweisen sich als eindringliche Charakterdarsteller, die man nicht mehr vergisst. Wo im antiken Drama der Chor die Dialoge kommentiert oder die Handlung verdichtet, da verbreitet in der Aufführung der Perkussionist Frank Haverkamp mit seinen unberechenbaren Zwischenspielen auf Trommeln und Diemben viel dunkle Magie.

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